Finanzierung: FWF
Laufzeit: 2014–2015
Projektleitung: Kurt Scharr

 

Der „Kataster“ war ein wesentliches Element der ökonomischen Modernisierung. Hinter dem hinter dem trockenen Geschäft und Material der historischen Katasterarbeit verbirgt sich eine hochpolitische und überraschend aktuelle Frage. Die moderne europäische Staatenwelt hat sich nach dem Paradigma des Nationalstaates strukturiert, und die Geschichtswissenschaft, noch mehr aber das historische Gedächtnis sehen Europa bis heute durch die Brille der souveränen Einzelstaatlichkeit. Der Franziszeische Kataster war dem gegenüber der erfolgreiche Versuch, die um 1800 von der Ständegesellschaft zur Nationalgesellschaft sich wandelnden Länder Mitteleuropas zu einem einheitlichen Rechtsraum im Hinblick auf Bodenbewertung und Steuerwesen zusammen zu fassen. Es handelt sich um eine der bedeutendsten und persistenten bis heute sichtbaren Leistungen der Habsburgermonarchie für einen wesentlichen Teil Mitteleuropas. Der Modernisierungshorizont, der mit dem Katastersystem ins Auge gefasst war, zielte auf den gesamten, überaus heterogenen mitteleuropäischen Länderkomplex der Habsburgermonarchie. Als wesentlicher Teil der Entstehung eines mehr oder weniger einheitlichen Großwirtschaftsraumes, aber als Alternative zum Modell moderner Staatlichkeit im Hegelschen Sinn dokumentiert das Projekt der Josephinischen und Franziszeischen Landesaufnahme in Verbindung mit Kataster und Steuerschätzung den Versuch, eine Großregion wirtschaftlich, administrativ und rechtlich im Sinne eines zentralstaatlich angestrebten Unum Totums neu zu gestalten. In Übereinstimmung mit der neueren vergleichenden europäischen Forschung ist der Kataster ein wesentlicher Schritt zum modernen Staat, im Falle der Habsburgermonarchie allerdings ohne und bewusst gegen das ideelle und im 19. Jahrhundert so erfolgreiche Konzept des Nationalismus.

Mit dem druckfertigen Katasterband zum ehemaligen Herzogtum Bukowina liegt nunmehr der dritte Band der von den Herausgebern begründeten Reihe zum Franziszeischen Kataster vor. Dieser ist – wie auch die bereits 2013 publizierten Vorgängerbände als ein zentrales Ergebnis aus dem FWF-Projekt P20219 hervorgegangen. Die Bukowina ist das erste Kronland dieses Editionsvorhabens, das sich vollständig außerhalb des heutigen Österreichs befindet. Unter Zugrundelegung des Franziszeischen Katasters sowie einer methodisch erprobten Analyse wird damit in Form einer umfangreich dokumentierten Quellenedition auf breiter sozial-, wirtschafts- wie gesellschaftsgeschichtlicher Basis eine ganze Region für die weitere Forschung erstmals systematisch aufbereitet und zugänglich gemacht.