Finanzierung: Rumänischer Wissenschaftsfonds
Laufzeit: 2011–2015
Projektleitung:
Kurt Scharr

 

Industrialisierung, Modernisierung, Strukturwandel sind Schlagworte, die in die (wissenschaftliche) Alltagssprache seit Langem Eingang gefunden haben. Inhaltliche Klarheit, Differenzierung, innerer Zusammenhang, die jeweilige Verflechtung von Strukturen und Handlungsmöglichkeiten in maßstäblich verschiedenen Räumen (lokal, regional, national wie international) und die ihr seitens der Geschichtswissenschaft zugestandene Relevanz – als komprimierter Ausdruck dahinter steckender Forschungskonzepte – sind allerdings oftmals schwierig voneinander zu trennen. Dementsprechend methodisch kompliziert gestaltet sich denn auch ein möglicher integrativer sozialgeschichtlicher Zugang ist etwa von der Analyse eines Großraumes wie der Habsburgermonarchie die Rede. Die sozioökonomische Integration von Regionen in das größere Ganze des modernen um Homogenität bemühten Staates geht zu einem entscheidenden Teil von einzelnen Modernisierungsenklaven aus. Dabei liefert für den Vergleich zwischen den Regionen die wechselnde Gewichtung von staatlichem Dirigismus, unmittelbarem Eingriff des Staates und privater Initiative – eines der zentralen Unterscheidungsmerkmale – die sich zudem je nach vorhandenem Substrat der Region selbst (und dem Faktor Zeit) wiederum verschieden auswirken können.

Wenn nun in diesem Projekt mit dem Fokus auf Strukturwandel durch Industrialisierung zunächst so heterogene scheinbar periphere und untereinander kaum verflochtene Regionen des Habsburgerreiches im Verlauf des 19. Jahrhunderts untersucht werden, so konstituiert sich daraus eine entscheidende Beziehung in ihren jeweiligen soziökonomischen Lebensräumen und übergeordnet in der Gesellschaft dieses Staates als Ganzes. Ausgehend von der Region als faßbarer räumlicher – wenngleich nicht immer klar abzugrenzender – Kategorie erschließt sich somit ein Interpretationszugang, der es ermöglicht, die Entwicklungsdynamik kleinerer Einheiten über die glättende Statistik der Gesamtvolkswirtschaft hinaus sichtbar werden zu lassen. Gleichzeitig bedingt die parallele Analyse, daß dabei auf das übergeordnete ‚Ganze‘ nicht vergessen wird. Die dergestalt ‚von unten‘ – oder von der Peripherie – ausgehende Perspektive vermag maßgeblich dazu beizutragen, die (regionalen) Prozesse des Wandels zu differenzieren und daraus gleichzeitig die konstitutive Dynamik des Ganzen, der Gesellschaft der Habsburgermonarchie zu erkennen.

Das Projekt untersucht den durch die Industrialisierung mitausgelösten und beschleunigten strukturellen Wandel zweier Regionen: Siebenbürgens, das als politisch räumliche Einheit im Verlauf des 19. Jahrhunderts in ungarische Komitate diffundiert, in der Folge als ‚administrative Region‘ nicht mehr, jedoch als historischer Raum weiterhin existiert, und der Bukowina. Letztere konstitutiert sich im Gegenteil überhaupt erst während dieses Zeitabschnittes von einem diffusen Raum zu einer politisch konsolidierten Region (zunächst als Kreis Galizien-Lodomeriens und später als eigenes Kronland).